diff --git a/Radikaler Epistemolismus.md b/Radikaler Epistemolismus.md index 76e38f3..5b757d7 100644 --- a/Radikaler Epistemolismus.md +++ b/Radikaler Epistemolismus.md @@ -8,7 +8,7 @@ tags: publishd: "" --- -created: 8.6.2025 | [updated](https://git.jochen-hanisch.de/research/bildungswissenschaft/commits/branch/main/Disjunkte%20Lernort-Evaluation.md) | publishd | [Austausch](https://lernen.jochen-hanisch.de/mod/forum/view.php?id=33) | [[Hinweise]] +created: 8.6.2025 | [updated](https://git.jochen-hanisch.de/research/bildungswissenschaft/commits/branch/main/Disjunkte%20Lernort-Evaluation.md) | publishd: 8.6.2025 | [Austausch](https://lernen.jochen-hanisch.de/mod/forum/view.php?id=33) | [[Hinweise]] **Radikaler Epistemolismus – Eine systemische Einladung zur vollständigen Sichtbarkeit des Denkens** @@ -16,9 +16,19 @@ created: 8.6.2025 | [updated](https://git.jochen-hanisch.de/research/bildungswis Es gibt Gedanken, die nicht gedacht werden dürfen – nicht, weil sie verboten sind, sondern weil sie niemand sehen soll, bevor sie perfekt sind. Ich widerspreche. Denn Erkenntnis ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Und dieser Prozess ist sichtbar zu machen. Das ist die Haltung, die mich zu dem führt, was ich hier vorschlage: ein radikaler Epistemolismus. +Perfektion schirmt ab. Sie behauptet Vollständigkeit, wo Entwicklung im Gange ist. Der Wunsch nach einem abgeschlossenen Werk, das für sich selbst spricht, ist verständlich und Teil einer langen wissenschaftlichen Tradition. Doch er verleitet dazu, jene Zwischenräume zu übersehen, in denen Erkenntnis eigentlich geschieht - im Fragen, im Streichen, im Neuschreiben. Wer denkt, verändert. Wer teilt, erlaubt Wandel. Und wer Wandel dokumentiert, macht ihn zum Gegenstand gemeinsamer Reflexion. + +Blicken wir zurück auf die Geschichte wissenschaftlicher Praxis. Die Entstehung großer Theorien, das Ringen um Begriffe, das Verwerfen von Hypothesen – all das ist selten erhalten. Was bleibt, sind Endfassungen wie bspw. das Buch, der Artikel, die Monografie. Die Prozesse, aus denen diese hervorgingen, bleiben verborgen. Doch gerade dort liegt der eigentliche Erkenntniswert d.h. in den Wegen, nicht nur in den Zielen. Es gibt keine Publikation ohne Vorversion, keine These ohne Zweifel, keine Idee ohne Herkunft. Wer diese Spuren sichtbar macht, bewahrt nicht bloß Gedanken, sondern auch deren Werden. Und damit einen Teil des Denkens, der sonst verloren geht. + +Erkenntnis entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist eingebettet in Sprache, Technik, Kontext und Beziehung. Niemand denkt allein. Selbst der zurückgezogenste Gedanke ist schon Teil eines kommunikativen Gefüges welches sprachlich vorgeprägt, technisch ermöglicht, sozial inspiriert ist. Die Einsicht, dass Denken Beziehung ist, führt zu einer anderen Haltung gegenüber dem eigenen Text. Sichtbarkeit wird dabei nicht zur Schwäche, sondern zur Bedingung von Integrität. Offenlegung bedeutet Verantwortung als Einladung zur Mitgestaltung, zur Kritik, zur Ergänzung. + +Ich möchte sichtbar machen, wie Erkenntnis entsteht. Rückblickend und begleitend. Abgeschlossen und im Werden. Was ich hier formuliere, ist gleichezitg Methode und Haltung, die sich in Werkzeuge einschreibt. In digitale Notizen, in Versionierungssysteme, in öffentlich zugängliche Webseiten. In diesem Zusammenspiel entwickelt sich eine Form wissenschaftlicher Praxis, die anders mit dem Prozess des Denkens umgeht – nicht weil sie besser wäre, sondern weil sie anderes sichtbar werden kann. + +Und genau hier beginnt der radikale Epistemolismus in der bewussten Entscheidung, Gedanken nachvollziehbar zu machen um gemeinsam denken zu können. + # Was ist radikaler Epistemolismus? -Der Begriff radikaler Epistemolismus ist eine bewusste Neuschöpfung. Diese bezeichnet keine abstrakte Theorie, sondern eine konkret gelebte wissenschaftliche Praxis, d.h die vollständige Sichtbarmachung von Erkenntnisprozessen als fortlaufender, versionierter, öffentlicher Denk- und Reflexionsvollzug. +Der Begriff radikaler Epistemolismus ist eine bewusste Neuschöpfung. Diese bezeichnet eine konkret gelebte wissenschaftliche Praxis, d.h die vollständige Sichtbarmachung von Erkenntnisprozessen als fortlaufender, versionierter, öffentlicher Denk- und Reflexionsvollzug. ## Begriffsherkunft @@ -36,7 +46,7 @@ Der radikale Epistemolismus verfolgt das Ziel, **wissenschaftliche Integrität u - **technisch realisiert** ist (über Git, Markdown, DOI, Webseiten), - **rechtlich abgesichert** ist (durch Lizenzen, Archivierung, DOI), - **sprachlich reflektiert** ist (durch bewusste Nutzung von KI-Unterstützung), -- **öffentlich zugänglich** ist (ohne institutionelle Schwellen), +- **öffentlich zugänglich** ist (durch institutionelle Offenheit), - **versioniert nachvollziehbar** ist (jede Veränderung dokumentiert). ## Abgrenzung zu bestehenden Praktiken @@ -114,13 +124,13 @@ In der heutigen digitalen Infrastruktur entsteht die Möglichkeit, an diese Idee Die digitale Agora ist kein Ort des Urteils, sondern der Einladung mitzugehen, mitzudenken, zu widersprechen und weiterzudenken. Wer sich dort zeigt, gibt etwas preis ohne sich bloßzustellen und den eigenen Erkenntnisweg zur Verfügung zu stellen. Und vielleicht wird genau dadurch wissenschaftliche Kommunikation wieder das, was sie zu Beginn war: ein gemeinsames Ringen um verstehbare Welt. -# Was folgt daraus? +## Was folgt daraus? Die Offenlegung des Denkens führt zu einer Praxis, in der Verantwortung als integraler Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit verstanden wird – im Ergebnis ebenso wie im Verlauf. Erkenntnis gewinnt an Tiefe, wenn ihr Weg sichtbar bleibt. Die Schritte dahin, ihre Revisionen und Übergänge, bilden eine nachvollziehbare Geschichte, die mitgetragen und mitgedacht werden kann. Wissenschaftliche Teilhabe erhält unter diesen Bedingungen neue Formen. Menschen mit unterschiedlichen Zugängen, Erfahrungen und Perspektiven können sich beteiligen – in der Rezeption, im Dialog, in der Weiterentwicklung. Das Zusammenspiel von Prozess und Produkt schafft Räume, in denen sowohl Tiefe als auch Anschluss möglich werden. Veröffentlichungen entstehen nicht allein aus formalen Kriterien, sondern durch ihre Verankerung im Kontext. Bedeutung erhält, was eingebettet ist: zeitlich, argumentativ, nachvollziehbar. So entsteht ein wissenschaftlicher Raum, der Entwicklung sichtbar hält – nicht als Zwischenstadium, sondern als wesentlichen Teil des Erkenntnisgeschehens. Der radikale Epistemolismus steht damit für eine erweiterte Verantwortungsgemeinschaft für alle, die denken, schreiben, veröffentlichen oder begleiten und damit zur Verständigung beitragen. Die Einladung lautet, gemeinsam an einer Wissenschaft zu arbeiten, die Beweglichkeit, Rückverfolgbarkeit und Resonanz verbindet – im Wissen darum, dass jede Einsicht Teil einer größeren Bewegung ist. -# Systemische Einladung zur Mitwirkung +## Systemische Einladung zur Mitwirkung Die hier vorgestellte Praxis versteht sich als Einladung an alle, die Denkprozesse nachvollziehbar gestalten möchten – schreibend, fragend, formulierend, überarbeitend. Im Zentrum steht kein abgeschlossenes Modell, sondern eine offene Struktur, die geteilt, erweitert und situativ angepasst werden kann. @@ -130,7 +140,7 @@ Mitwirken beginnt mit Aufmerksamkeit. Wer sich auf diese Form des Arbeitens einl > Radikaler Epistemolismus eröffnet die Möglichkeit, Wissen zu formulieren und zugleich dessen Entstehung sichtbar zu begleiten – gemeinsam, nachvollziehbar, dialogisch. -## Vision: Der digitale Marktplatz des Denkens +# Vision: Der digitale Marktplatz des Denkens Ein Marktplatz ist ein öffentlicher Raum. Wer dort steht, zeigt sich – mit Stimme, mit Haltung, mit Zweifeln. Im Denken bedeutet das: nicht nur das Ergebnis zu teilen, sondern den Weg dorthin. Auch das Zögern, das Streichen, das Neuansetzen. Sichtbar zu werden heißt in diesem Zusammenhang, sich verletzlich zu machen – nicht als Geste, sondern als Entscheidung. Der radikale Epistemolismus begreift diese Verletzlichkeit als Teil wissenschaftlicher Redlichkeit. Ein Gedanke, der sich entwickeln darf, bleibt offen für Rückmeldung. Ein Text, der im Werden gezeigt wird, bleibt offen für Erfahrung. Ein Erkenntnisprozess, der sichtbar wird, lädt zur Begegnung ein – nicht auf Augenhöhe im Sinne von Gleichheit, sondern im Sinne von geteiltem Ernst.