Sprachliche Adaptionen und Beseitigung von Inkonsistenten
This commit is contained in:
@ -3,7 +3,7 @@ author: Jochen Hanisch-Johannsen
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title: "Epistemolismus denken: Zur Sichtbarmachung wissenschaftlicher Prozesse in versionierten Erkenntnisräumen"
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title: "Epistemolismus denken: Zur Sichtbarmachung wissenschaftlicher Prozesse in versionierten Erkenntnisräumen"
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Repository: methodologie
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created: 2025-06-08
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updated: 2025-06-08
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updated: 2025-06-09
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@ -119,7 +119,7 @@ Die formlogische Perspektive zeigt, dass Epistemolismus keine Methodensammlung i
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Der radikale Epistemolismus beschreibt eine Haltung und Praxis, die epistemische Prozesse strukturell sichtbar, reflexiv rekonstruierbar und kollektiv zugänglich macht. Die Radikalität dieses Ansatzes liegt in der Entscheidung, Erkenntnisprozesse nicht bloß als Gegenstand theoretischer Beschreibung zu behandeln, sondern als methodisch realisierte Formvollzüge zu verstehen, die dokumentiert, versioniert und rückverfolgbar gemacht werden.
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Der radikale Epistemolismus beschreibt eine Haltung und Praxis, die epistemische Prozesse strukturell sichtbar, reflexiv rekonstruierbar und kollektiv zugänglich macht. Die Radikalität dieses Ansatzes liegt in der Entscheidung, Erkenntnisprozesse nicht bloß als Gegenstand theoretischer Beschreibung zu behandeln, sondern als methodisch realisierte Formvollzüge zu verstehen, die dokumentiert, versioniert und rückverfolgbar gemacht werden.
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Der Begriff „radikal“ verweist im ursprünglichen Sinne auf das Lateinische *radix* (Wurzel). In diesem Verständnis meint Radikalität nicht eine normative Zuspitzung, sondern eine methodische Grundlegung epistemischer Prozesse an ihrer operativen Basis (vgl. Luhmann, 1990, S. 76). Es geht um die Rückführung von Erkenntnis auf ihre Grundoperationen: Unterscheiden, Markieren, Wieder-Eingeben und Transformieren – verstanden im Sinne Spencer-Browns (1969), dessen Formlogik das Setzen einer Unterscheidung als elementaren Erkenntnisakt definiert.
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Der Begriff „radikal“ verweist im ursprünglichen Sinne auf das Lateinische *radix* (Wurzel). In diesem Verständnis meint Radikalität nicht eine normative Zuspitzung, sondern eine methodische Grundlegung epistemischer Prozesse an ihrer operativen Basis (vgl. Luhmann, 1990, S. 76). Die Erkenntnis wird auf ihre grundlegenden Operationen zurückgeführt, nämlich das Unterscheiden, Markieren, Wiedereingeben und Transformieren. Diese Prozesse werden im Sinne von Spencer-Brown (1969) verstanden, dessen Formlogik das Setzen einer Unterscheidung als den elementaren Akt der Erkenntnis definiert.
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In dieser Lesart bedeutet Epistemolismus die bewusste Gestaltung, Reflexion und Versionierung von Denkprozessen. Die Setzung eines Gedankens wird sichtbar gemacht, sein Weg rekonstruiert, seine Veränderung dokumentiert. Diese Sichtbarkeitsstruktur bildet den Kern der epistemolischen Haltung. Erkenntnis wird als Prozess gedacht, nicht als Zustand (vgl. Varela, 1990), und sie wird in einer Form strukturiert, die Re-Eingabe, Kontextualisierung und Differenzierung erlaubt.
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In dieser Lesart bedeutet Epistemolismus die bewusste Gestaltung, Reflexion und Versionierung von Denkprozessen. Die Setzung eines Gedankens wird sichtbar gemacht, sein Weg rekonstruiert, seine Veränderung dokumentiert. Diese Sichtbarkeitsstruktur bildet den Kern der epistemolischen Haltung. Erkenntnis wird als Prozess gedacht, nicht als Zustand (vgl. Varela, 1990), und sie wird in einer Form strukturiert, die Re-Eingabe, Kontextualisierung und Differenzierung erlaubt.
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@ -149,7 +149,7 @@ $$
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Im epistemolischen Verständnis entspricht dies der Reflexion eines markierten Gedankens. Der Denkprozess wird nicht nur dokumentiert, sondern beobachtet und kontextualisiert. Versionslogik, Kommentarzeilen oder Reflexionseinträge bilden solche Re-entry-Strukturen. Damit wird nicht nur das Gedachte sichtbar, sondern auch das Denken über das Denken (Luhmann, 1990; Varela, 1990).
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Im epistemolischen Verständnis entspricht dies der Reflexion eines markierten Gedankens. Der Denkprozess wird nicht nur dokumentiert, sondern beobachtet und kontextualisiert. Versionslogik, Kommentarzeilen oder Reflexionseinträge bilden solche Re-entry-Strukturen. Damit wird nicht nur das Gedachte sichtbar, sondern auch das Denken über das Denken (Luhmann, 1990; Varela, 1990).
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Kommt es zu einem Übergang in einen neuen Denkraum – etwa durch Revision, Perspektivwechsel oder Paradigmenbruch – ergibt sich eine Transformation der Mark:
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Wenn ein Übergang in einen neuen Denkraum stattfindet, durch Revision, Perspektivwechsel oder einen Paradigmenbruch, führt dies zur folgneder Transformation der Markierung:
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\bigcirc \longrightarrow \bigcirc' \tag{3}
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\bigcirc \longrightarrow \bigcirc' \tag{3}
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@ -196,7 +196,7 @@ $$
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Im epistemolischen Denken stellt dies den Moment der dokumentierten Reflexion dar. Eine frühere Version wird nicht nur wieder aufgegriffen, sondern innerhalb ihres eigenen Markierungsraumes reflektiert. Dies ermöglicht Versionierung nicht als Aneinanderreihung, sondern als strukturierte Geschichte epistemischer Entscheidungen (Luhmann, 1990).
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Im epistemolischen Denken stellt dies den Moment der dokumentierten Reflexion dar. Eine frühere Version wird nicht nur wieder aufgegriffen, sondern innerhalb ihres eigenen Markierungsraumes reflektiert. Dies ermöglicht Versionierung nicht als Aneinanderreihung, sondern als strukturierte Geschichte epistemischer Entscheidungen (Luhmann, 1990).
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Kommt es innerhalb eines solchen Systems zu einer Verschiebung der Markierung – etwa durch Transformation, Kontrastsetzung oder Reinterpretation – ergibt sich eine Übergangsoperation, die als Cross bezeichnet werden kann:
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Innerhalb eines solchen Systems führt eine Verschiebung der Markierung, durch Transformation, Kontrastsetzung oder Reinterpretation, zu einer Übergangsoperation, die als "Cross" bezeichnet werden kann:
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A_3 := \bigcirc \longrightarrow \bigcirc' \tag{3}
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A_3 := \bigcirc \longrightarrow \bigcirc' \tag{3}
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@ -218,7 +218,7 @@ $$
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\bigcirc_i \Rightarrow \bigcirc(\bigcirc_i) \Rightarrow \bigcirc_i' \Rightarrow \bigcirc(\bigcirc_i') \tag{5}
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\bigcirc_i \Rightarrow \bigcirc(\bigcirc_i) \Rightarrow \bigcirc_i' \Rightarrow \bigcirc(\bigcirc_i') \tag{5}
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Diese Schleife steht für die Rekursion epistemischer Geltung. Es entsteht eine dynamische Struktur, in der Beobachtung, Geltung und Reflexion miteinander verschaltet sind. Erkenntnis zeigt sich darin nicht als Zustand, sondern als strukturierter Übergang. Der epistemolische Kalkül stellt diese Übergänge dar, nicht um sie zu fixieren, sondern um ihre Beweglichkeit nachvollziehbar zu machen.
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Diese Schleife steht für die Rekursion epistemischer Geltung. Somit entsteht eine dynamische Struktur, in der Beobachtung, Geltung und Reflexion miteinander verschaltet sind. Erkenntnis zeigt sich darin nicht als Zustand, sondern als strukturierter Übergang. Der epistemolische Kalkül stellt diese Übergänge dar, nicht um sie zu fixieren, sondern um ihre Beweglichkeit nachvollziehbar zu machen.
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Die symbolische Beschreibung dieser Prozesse erlaubt eine formale Explikation epistemischer Handlungsvollzüge. Sie macht sichtbar, wie Erkenntnisprozesse in Versionierungssystemen, Diskurspraktiken oder kollaborativen Reflexionsräumen konkretisiert werden. Der Kalkül fungiert dabei als semantisch strukturierbares Medium epistemischer Selbstbeobachtung.
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Die symbolische Beschreibung dieser Prozesse erlaubt eine formale Explikation epistemischer Handlungsvollzüge. Sie macht sichtbar, wie Erkenntnisprozesse in Versionierungssystemen, Diskurspraktiken oder kollaborativen Reflexionsräumen konkretisiert werden. Der Kalkül fungiert dabei als semantisch strukturierbares Medium epistemischer Selbstbeobachtung.
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@ -244,9 +244,9 @@ Die Praxis der Git-basierten Forschungsnotiz erlaubt darüber hinaus:
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Insofern ist das Git-System nicht lediglich ein Code-Werkzeug, sondern ein epistemisches Medium, das die Struktur epistemolischer Erkenntnisproduktion in einer präzise versionierten Form sichtbar macht. Die Verknüpfung mit Markdown und Webpublikation verstärkt diesen Effekt und transformiert die Idee wissenschaftlicher Autorenschaft zugunsten prozessorientierter Geltungsbildung (vgl. Koller, 2012; Varela, 1990).
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Insofern ist das Git-System nicht lediglich ein Code-Werkzeug, sondern ein epistemisches Medium, das die Struktur epistemolischer Erkenntnisproduktion in einer präzise versionierten Form sichtbar macht. Die Verknüpfung mit Markdown und Webpublikation verstärkt diesen Effekt und transformiert die Idee wissenschaftlicher Autorenschaft zugunsten prozessorientierter Geltungsbildung (vgl. Koller, 2012; Varela, 1990).
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### 2.8.2 Wahrhaftige e-Portfolios mit versionierter Reflexionsstruktur
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### 2.8.2 Wahrhaftige E-Portfolios mit versionierter Reflexionsstruktur
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Ein epistemolisch gestaltetes e-Portfolio unterscheidet sich grundsätzlich von rein darstellungsorientierten Sammlungen digitaler Artefakte. Es ist keine bloße Ablage von Ergebnissen, sondern ein reflexiver Erkenntnisraum, der Denkprozesse sichtbar hält. Dies geschieht durch dokumentierte Selbstbeobachtung, durch historisierbare Versionsstände und durch die strukturierte Kommentierung epistemischer Übergänge.
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Ein epistemolisch gestaltetes E-Portfolio unterscheidet sich grundsätzlich von rein darstellungsorientierten Sammlungen digitaler Artefakte. Dies ist keine bloße Ablage von Ergebnissen, sondern ein reflexiver Erkenntnisraum, der Denkprozesse sichtbar hält. Dies geschieht durch dokumentierte Selbstbeobachtung, durch historisierbare Versionsstände und durch die strukturierte Kommentierung epistemischer Übergänge.
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#### Strukturmerkmale:
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#### Strukturmerkmale:
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- **Versionierte Entwicklungsphasen**: Jede Eintragung (Text, Skizze, Video, Annotation) erhält eine Zeitmarke und Kontextbeschreibung. So wird die Geltung der Einträge historisch lesbar.
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- **Versionierte Entwicklungsphasen**: Jede Eintragung (Text, Skizze, Video, Annotation) erhält eine Zeitmarke und Kontextbeschreibung. So wird die Geltung der Einträge historisch lesbar.
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@ -267,7 +267,7 @@ Ein epistemolisch gestaltetes e-Portfolio unterscheidet sich grundsätzlich von
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#### Epistemologische Bedeutung:
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#### Epistemologische Bedeutung:
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Dieses e-Portfolio-Modell bildet epistemolisches Arbeiten nicht nur ab – es **realisiert es operativ**. Es erlaubt Lernenden, Denk- und Deutungsprozesse zu dokumentieren, Reflexionsschleifen explizit zu machen und dadurch Geltung nicht nur zu behaupten, sondern **herzustellen** (vgl. Varela, 1990; Koller, 2012; Ziebarth, 2019).
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Dieses E-Portfolio-Modell geht über die bloße Abbildung epistemologischer Arbeit hinaus und setzt sie operativ um und bietet Lernenden die Möglichkeit, ihre Denk- und Deutungsprozesse zu dokumentieren und Reflexionsschleifen explizit zu machen. Auf diese Weise wird Geltung nicht nur behauptet, sondern **aktiv hergestellt**. (vgl. Varela, 1990; Koller, 2012; Ziebarth, 2019).
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### 2.8.3 Reflexive Logbücher und Forschungstagebücher
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### 2.8.3 Reflexive Logbücher und Forschungstagebücher
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@ -346,7 +346,7 @@ Wenn der Epistemolismus als wissenschaftlich fundierte Praxis verstanden wird, d
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Die epistemolische Praxis stellt an wissenschaftlich arbeitende Individuen keine Forderung im Sinne eines normativen Rahmens, sondern eröffnet eine Formstruktur, in der Denken sichtbar, reflexiv und rekonstruierbar gehalten werden kann. Wer in diesem Sinne wissenschaftlich arbeitet, begreift Erkenntnis nicht als isoliertes Produkt, sondern als dokumentierte Bewegung innerhalb eines denkenden Systems. Diese Bewegung zeigt sich dort, wo Entscheidungen als markierte Denkakte erkennbar sind, wo Revisionen nicht verwischt, sondern sichtbar gehalten werden, wo Übergänge nicht verdeckt, sondern analysierbar dokumentiert sind.
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Die epistemolische Praxis stellt an wissenschaftlich arbeitende Individuen keine Forderung im Sinne eines normativen Rahmens, sondern eröffnet eine Formstruktur, in der Denken sichtbar, reflexiv und rekonstruierbar gehalten werden kann. Wer in diesem Sinne wissenschaftlich arbeitet, begreift Erkenntnis nicht als isoliertes Produkt, sondern als dokumentierte Bewegung innerhalb eines denkenden Systems. Diese Bewegung zeigt sich dort, wo Entscheidungen als markierte Denkakte erkennbar sind, wo Revisionen nicht verwischt, sondern sichtbar gehalten werden, wo Übergänge nicht verdeckt, sondern analysierbar dokumentiert sind.
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In epistemolischer Perspektive wird die Form wissenschaftlicher Arbeit damit selbst zum Gegenstand der Aufmerksamkeit. Es genügt nicht, zu wissen, was gedacht wurde. Entscheidend ist, wie dieses Denken entstanden ist, unter welchen Bedingungen es formuliert wurde, an welchen Stellen es sich verändert hat, und in welchen Kontexten es auf Resonanz trifft. Die epistemische Verantwortung liegt dabei in der methodischen Rückverfolgbarkeit der eigenen Erkenntnisschritte. Reflexion wird nicht als Zusatz verstanden, sondern als konstitutives Moment wissenschaftlicher Geltungsbildung.
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In epistemolischer Perspektive wird die Form wissenschaftlicher Arbeit damit selbst zum Gegenstand der Aufmerksamkeit. Zu wissen, was gedacht wurde, ist unzureichend. Entscheidend sind die Entstehung des Denkens, die Bedingungen seiner Formulierung, die Punkte seiner Veränderung und die Kontexte, in denen dies Resonanz findet. Die epistemische Verantwortung liegt dabei in der methodischen Rückverfolgbarkeit der eigenen Erkenntnisschritte. Reflexion wird nicht als Zusatz verstanden, sondern als konstitutives Moment wissenschaftlicher Geltungsbildung.
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Daraus ergibt sich ein Zugang zum wissenschaftlichen Arbeiten, in dem versionierte Notizen, commit-basierte Forschungstagebücher, kommentierte Zwischenstände und rekonstruierbare Argumentationslinien nicht als technische Randphänomene, sondern als epistemische Kernpraktiken begriffen werden. Die verwendeten Werkzeuge – ob Git, Markdown, strukturierte E-Portfolios oder semantisch angereicherte Arbeitsumgebungen – sind in diesem Zusammenhang nicht bloße Hilfsmittel, sondern mediale Bedingungen der epistemischen Sichtbarkeit.
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Daraus ergibt sich ein Zugang zum wissenschaftlichen Arbeiten, in dem versionierte Notizen, commit-basierte Forschungstagebücher, kommentierte Zwischenstände und rekonstruierbare Argumentationslinien nicht als technische Randphänomene, sondern als epistemische Kernpraktiken begriffen werden. Die verwendeten Werkzeuge – ob Git, Markdown, strukturierte E-Portfolios oder semantisch angereicherte Arbeitsumgebungen – sind in diesem Zusammenhang nicht bloße Hilfsmittel, sondern mediale Bedingungen der epistemischen Sichtbarkeit.
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@ -356,7 +356,7 @@ Wissenschaftlich arbeitende Individuen im epistemolischen Verständnis bewegen s
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Für wissenschaftliche Institutionen und Bildungseinrichtungen ergibt sich aus dem Konzept des Epistemolismus die Notwendigkeit, wissenschaftliches Arbeiten nicht allein an Ergebnissen zu orientieren, sondern an der Sichtbarkeit und strukturellen Nachvollziehbarkeit der Erkenntnisprozesse, aus denen diese Ergebnisse hervorgehen. Forschung und Lehre erscheinen in dieser Perspektive nicht mehr als getrennte Funktionsbereiche, sondern als ineinandergreifende Vollzugsformen epistemischer Praxis, deren Qualität sich an der Dokumentation ihrer formalen Übergänge bemisst.
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Für wissenschaftliche Institutionen und Bildungseinrichtungen ergibt sich aus dem Konzept des Epistemolismus die Notwendigkeit, wissenschaftliches Arbeiten nicht allein an Ergebnissen zu orientieren, sondern an der Sichtbarkeit und strukturellen Nachvollziehbarkeit der Erkenntnisprozesse, aus denen diese Ergebnisse hervorgehen. Forschung und Lehre erscheinen in dieser Perspektive nicht mehr als getrennte Funktionsbereiche, sondern als ineinandergreifende Vollzugsformen epistemischer Praxis, deren Qualität sich an der Dokumentation ihrer formalen Übergänge bemisst.
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Die institutionelle Herausforderung besteht darin, jene medialen, rechtlichen und organisatorischen Bedingungen zu schaffen, unter denen versioniertes, reflexives und rekursiv anschlussfähiges Denken nicht nur möglich, sondern wissenschaftlich anschlussfähig wird. Es bedarf einer Infrastruktur, die nicht lediglich die Speicherung von Inhalten erlaubt, sondern die Markierung, Kontextualisierung und Wiederaufnahme von Denkakten unterstützt. Curriculare Prozesse, Prüfungsordnungen und Forschungsformate gewinnen dabei eine neue epistemische Funktion. Sie fungieren nicht mehr nur als normative Raster, sondern als Möglichkeitsräume strukturiert sichtbaren Denkens.
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Die institutionelle Herausforderung besteht darin, jene medialen, rechtlichen und organisatorischen Bedingungen zu schaffen, unter denen versioniertes, reflexives und rekursiv anschlussfähiges Denken nicht nur möglich, sondern wissenschaftlich anschlussfähig wird. Eine Infrastruktur ist erforderlich, die nicht lediglich die Speicherung von Inhalten erlaubt, sondern die Markierung, Kontextualisierung und Wiederaufnahme von Denkakten unterstützt. Curriculare Prozesse, Prüfungsordnungen und Forschungsformate gewinnen dabei eine neue epistemische Funktion. Sie fungieren nicht mehr nur als normative Raster, sondern als Möglichkeitsräume strukturiert sichtbaren Denkens.
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In diesem Sinne verändert sich auch das Verständnis wissenschaftlicher Leistung. Geltung entsteht nicht allein durch Peer Review oder formale Endversionen, sondern durch die dokumentierte Genese epistemischer Setzungen. Bildungseinrichtungen, die diesen Anspruch ernst nehmen, fördern keine Perfektion, sondern ermöglichen Sichtbarkeit im Entstehen. Sie kultivieren eine Wissenschaftspraxis, in der das Denken selbst beobachtbar bleibt, ohne auf narrative Kohärenz reduziert zu werden. Die Integration von Werkzeugen wie Git, Obsidian oder versionierbaren E-Portfolios markiert dabei keinen technischen Zusatz, sondern eine epistemische Verschiebung.
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In diesem Sinne verändert sich auch das Verständnis wissenschaftlicher Leistung. Geltung entsteht nicht allein durch Peer Review oder formale Endversionen, sondern durch die dokumentierte Genese epistemischer Setzungen. Bildungseinrichtungen, die diesen Anspruch ernst nehmen, fördern keine Perfektion, sondern ermöglichen Sichtbarkeit im Entstehen. Sie kultivieren eine Wissenschaftspraxis, in der das Denken selbst beobachtbar bleibt, ohne auf narrative Kohärenz reduziert zu werden. Die Integration von Werkzeugen wie Git, Obsidian oder versionierbaren E-Portfolios markiert dabei keinen technischen Zusatz, sondern eine epistemische Verschiebung.
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@ -414,7 +414,7 @@ Die Kritik am Epistemolismus ergibt sich aus unterschiedlichen Richtungen, deren
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Ein erster Kritikpunkt betrifft die Gefahr einer Überformalisierung. Wenn jede Formulierung, jede Revision, jede Entscheidung sichtbar gemacht werden soll, so droht ein Verlust an ökonomischer Klarheit und praktischer Handhabbarkeit. Die epistemolische Praxis könnte in bürokratisierten Versionierungsprotokollen erstarren oder in permanentem Selbstkommentar versinken, ohne produktive Anschlussfähigkeit zu erzeugen.
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Ein erster Kritikpunkt betrifft die Gefahr einer Überformalisierung. Wenn jede Formulierung, jede Revision, jede Entscheidung sichtbar gemacht werden soll, so droht ein Verlust an ökonomischer Klarheit und praktischer Handhabbarkeit. Die epistemolische Praxis könnte in bürokratisierten Versionierungsprotokollen erstarren oder in permanentem Selbstkommentar versinken, ohne produktive Anschlussfähigkeit zu erzeugen.
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Ein zweiter Einwand richtet sich auf die Inkommensurabilität mit bestehenden Wissenschaftssystemen. Der epistemolische Anspruch auf Sichtbarkeit, Re-entry und Reflexivität steht im Spannungsverhältnis zu traditionellen Anforderungen an Eindeutigkeit, Autorenschaft, Zitationsfähigkeit und Peer Review. Es stellt sich die Frage, ob der epistemolische Ansatz in der Lage ist, in disziplinär etablierten Publikationsformaten überhaupt wirksam zu werden, oder ob er sich auf Randzonen institutioneller Sichtbarkeit beschränkt.
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Ein zweiter Einwand richtet sich auf die Inkommensurabilität mit bestehenden Wissenschaftssystemen. Der epistemolische Anspruch auf Sichtbarkeit, Re-entry und Reflexivität steht im Spannungsverhältnis zu traditionellen Anforderungen an Eindeutigkeit, Autorenschaft, Zitationsfähigkeit und Peer Review. Somit stellt sich die Frage, ob der epistemolische Ansatz in der Lage ist, in disziplinär etablierten Publikationsformaten überhaupt wirksam zu werden, oder ob er sich auf Randzonen institutioneller Sichtbarkeit beschränkt.
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Ein dritter Kritikpunkt betrifft die Frage nach Subjektentlastung. Die technologische Infrastruktur – insbesondere Git, Markdown, automatisierte Versionssysteme und algorithmische Analysewerkzeuge – könnte epistemolische Prozesse in ein System auslagern, das die epistemische Verantwortung vom Subjekt auf technische Verfahren überträgt. Die Sichtbarkeit wäre dann nicht Folge bewusster Reflexion, sondern Nebenprodukt algorithmischer Struktur.
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Ein dritter Kritikpunkt betrifft die Frage nach Subjektentlastung. Die technologische Infrastruktur – insbesondere Git, Markdown, automatisierte Versionssysteme und algorithmische Analysewerkzeuge – könnte epistemolische Prozesse in ein System auslagern, das die epistemische Verantwortung vom Subjekt auf technische Verfahren überträgt. Die Sichtbarkeit wäre dann nicht Folge bewusster Reflexion, sondern Nebenprodukt algorithmischer Struktur.
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@ -448,7 +448,7 @@ Die kritischen Einwände gegen den Epistemolismus – etwa hinsichtlich Überfor
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# Epilog
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# Epilog
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Im Verlauf dieser Begriffsbestimmung wurde ein zentrales epistemisches Kriterium verletzt. Die schrittweise Sichtbarmachung des Denkens durch versionierte Veröffentlichung blieb aus. Statt dokumentierter Genese einzelner Textabschnitte liegt eine konsolidierte Erstfassung vor. Diese Abweichung ist nicht zufällig. Sie verweist auf die Widersprüchlichkeit wissenschaftlichen Denkens, wenn es versucht, seine eigenen Voraussetzungen sichtbar zu halten.
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Im Verlauf dieser Begriffsbestimmung wurde ein zentrales epistemisches Kriterium verletzt. Die schrittweise Sichtbarmachung des Denkens durch versionierte Veröffentlichung blieb aus. Statt dokumentierter Genese einzelner Textabschnitte liegt eine konsolidierte Erstfassung vor. Diese Abweichung ist nicht zufällig. Sie verweist auf die Widersprüchlichkeit wissenschaftlichen Denkens, wenn versucht wird, seine eigenen Voraussetzungen sichtbar zu halten.
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Dort, wo epistemische Offenheit als Struktur wirksam wird, bleiben kulturelle, technische und psychologische Impulse bestehen. Das Bedürfnis nach Ordnung vor Sichtbarkeit. Der Wunsch nach Abschluss vor Teilhabe. Die Suche nach Autorisierung vor Revision. Die Verletzung des Kriteriums gehört damit selbst zur epistemolischen Bewegung. Sie markiert, dass auch Sichtbarkeit eine Form ist, die beobachtet werden kann.
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Dort, wo epistemische Offenheit als Struktur wirksam wird, bleiben kulturelle, technische und psychologische Impulse bestehen. Das Bedürfnis nach Ordnung vor Sichtbarkeit. Der Wunsch nach Abschluss vor Teilhabe. Die Suche nach Autorisierung vor Revision. Die Verletzung des Kriteriums gehört damit selbst zur epistemolischen Bewegung. Sie markiert, dass auch Sichtbarkeit eine Form ist, die beobachtet werden kann.
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@ -470,11 +470,11 @@ Der vorliegende Text stellt keinen Abschluss dar. Er markiert einen Zustand inne
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- Spencer-Brown, G. (1969). _Laws of Form_. Allen & Unwin.
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- Spencer-Brown, G. (1969). _Laws of Form_. Allen & Unwin.
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#### Wissenschaftliche Fundierung:
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#### Wissenschaftliche Fundierung:
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- Varela (1990) beschreibt Erkenntnis als Handlung in situativer Verkörperung – das e-Portfolio zeigt diese Bewegung, statt nur ihr Ergebnis.
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- Varela (1990) beschreibt Erkenntnis als Handlung in situativer Verkörperung – das E-Portfolio zeigt diese Bewegung, statt nur ihr Ergebnis.
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- Koller (2012) fordert eine rekonstruktive Bildungstheorie, die Transformation sichtbar macht – das e-Portfolio liefert die Form dafür.
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- Koller (2012) fordert eine rekonstruktive Bildungstheorie, die Transformation sichtbar macht – das E-Portfolio liefert die Form dafür.
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- Ziebarth (2019) analysiert e-Portfolios als reflexive Räume der Subjektivierung – epistemolisch gedacht, wird daraus eine systematisch beobachtbare Geltungsstruktur.
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- Ziebarth (2019) analysiert E-Portfolios als reflexive Räume der Subjektivierung – epistemolisch gedacht, wird daraus eine systematisch beobachtbare Geltungsstruktur.
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