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Jochen Hanisch-Johannsen Radikaler Epistemolismus Eine systemische Einladung zur vollständigen Sichtbarkeit des Denkens 2025-06-08 2025-06-08 false

created: 8.6.2025 | updated | publishd | Austausch | Hinweise

Radikaler Epistemolismus Eine systemische Einladung zur vollständigen Sichtbarkeit des Denkens

Prolog

Es gibt Gedanken, die nicht gedacht werden dürfen nicht, weil sie verboten sind, sondern weil sie niemand sehen soll, bevor sie perfekt sind. Ich widerspreche. Denn Erkenntnis ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Und dieser Prozess ist sichtbar zu machen. Das ist die Haltung, die mich zu dem führt, was ich hier vorschlage: ein radikaler Epistemolismus.

Was ist radikaler Epistemolismus?

Der Begriff radikaler Epistemolismus ist eine bewusste Neuschöpfung. Diese bezeichnet keine abstrakte Theorie, sondern eine konkret gelebte wissenschaftliche Praxis, d.h die vollständige Sichtbarmachung von Erkenntnisprozessen als fortlaufender, versionierter, öffentlicher Denk- und Reflexionsvollzug.

Begriffsherkunft

  • Radikal
    Vom lateinischen radix (Wurzel) her gedacht, bedeutet „radikal“ nicht extremistisch, sondern grundlegend: Es geht darum, Erkenntnis von der Wurzel her ernst zu nehmen einschließlich ihrer Bedingungen, ihrer Wandlungen und ihrer Irrtümer. Der radikale Aspekt meint hier: nichts auszulassen, was zur Entstehung, Revision oder Begründung einer Idee beiträgt.
  • Episteme
    Im Sinne von Michel Foucault nicht bloß Wissen (scientia), sondern eine diskursiv getragene Möglichkeitsbedingung von Erkenntnis. Episteme ist das, was als „erkennbar“ gilt, und damit auch: was ausgeblendet wird. In meinem Fall: ein offenes, dokumentiertes, reflexives Verständnis von Erkenntnis als prozesshaftem Geschehen.
  • -ismus
    Nicht als ideologische Setzung, sondern als Praxisform. Radikaler Epistemolismus ist keine Schule, keine Doktrin, sondern eine Haltung und damit eine epistemologische Methode, die sich bewusst systemischer Werkzeuge bedient und diese in den Dienst der öffentlichen Nachvollziehbarkeit anhand wissenschaftlicher Gütekriterien stellt.

Zielsetzung

Der radikale Epistemolismus verfolgt das Ziel, wissenschaftliche Integrität und methodische Offenheit in einer Form zu leben, die:

  • technisch realisiert ist (über Git, Markdown, DOI, Webseiten),
  • rechtlich abgesichert ist (durch Lizenzen, Archivierung, DOI),
  • sprachlich reflektiert ist (durch bewusste Nutzung von KI-Unterstützung),
  • öffentlich zugänglich ist (ohne institutionelle Schwellen),
  • versioniert nachvollziehbar ist (jede Veränderung dokumentiert).

Abgrenzung zu bestehenden Praktiken

Der radikale Epistemolismus entsteht aus einer tiefen Wertschätzung bestehender Wissenschaftspraktiken und ihrer Beiträge zur Erkenntnissicherung. Die etablierten Verfahren von der monografischen Darstellung über Peer Review bis zur formalen Veröffentlichung leisten seit Jahrzehnten Bedeutendes für die Sichtbarmachung und Bewertung wissenschaftlicher Arbeit. Gleichzeitig eröffnet die digitale Infrastruktur neue Möglichkeiten, ergänzende Wege zu beschreiten.

Der epistemolische Zugang betont die kontinuierliche Entwicklung von Erkenntnis über sichtbare Prozesse, nachvollziehbare Revisionen und öffentliche Beteiligung. Wo klassische Verfahren auf Stabilität und Endgültigkeit zielen, stärkt die epistemolische Perspektive das Prozessuale und Dialogische. Beide Richtungen lassen sich als komplementäre Kräfte verstehen; miteinander verwoben und gemeinsam wirksam.

Die folgende Gegenüberstellung verdeutlicht zwei verschiedene Akzentuierungen innerhalb wissenschaftlicher Veröffentlichungskulturen:

Klassische Veröffentlichung Radikaler Epistemolismus
Produktorientiert (Paper, Buch) Prozessorientiert (Notiz, Version, Dialog)
Einzelmoment als Wahrheitspunkt Historisierte Entwicklung mit Kontext
Peer Review als Qualitätssicherung Öffentliche Nachvollziehbarkeit, iteratives Feedback
Institutionelle Freigabe Eigenverantwortlich gestalteter Veröffentlichungsakt
Tabelle 1: Zwei Veröffentlichungskulturen im Zusammenspiel

Im Zusammenspiel entsteht ein weiter Raum wissenschaftlicher Ausdrucksformen. Klassische Formate bieten Orientierung, Anerkennung und institutionelle Verankerung. Der epistemolische Zugang erweitert diese Landschaft um Sichtbarkeit im Entstehen, Beteiligung im Denken und Rückverfolgbarkeit im Wandel. Auf diese Weise wird das Miteinander von Stabilität und Offenheit produktiv als gemeinsame Bewegung in Richtung einer offenen Wissenschaftskultur.

Konkrete Umsetzung

Veröffentlichungen zeigen gewöhnlich, was als Ergebnis zählt. Doch der eigentliche Erkenntniswert liegt oft in dem, was diesem Ergebnis vorausgeht d.h. in abgebrochenen Sätzen, gestrichenen Passagen, nie erschienenen Fassungen. Denken entsteht im Dazwischen zwischen Idee und Ausdruck, Versuch und Entscheidung, Version und Revision.

Obsidian und Git wirken dabei zusammen wie eine geöffnete Chronik. Obsidian hält Begriffe fest, verknüpft Fragmente, macht Zusammenhänge lesbar. Git dokumentiert, wann ein Gedanke umgestellt wurde, wann ein Argument hinzugekommen ist, wann etwas wieder verschwunden ist. Aus dem Zusammenspiel beider entsteht eine nachvollziehbare Geschichte des Textes und des Denkens dahinter.

Versionen werden damit technische Zustände sowie Gesprächs- und Mitdenkangebote. Wer möchte, kann sehen, wann ein Gedanke geboren wurde. Und wie er sich verändert hat. Jede Überarbeitung trägt eine Entscheidung in sich in Sprache, Richtung, Haltung. Was sonst im Unsichtbaren liegt, wird erfahrbar gemacht.

Veröffentlichung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur das Bereitstellen eines Endprodukts, sondern das bewusste Zeigen der Entstehung. Mit allem, was dazugehört: Zweifel, Unentschlossenheit, Brüche. Die Referenzzeile jeder Seite führt diese Offenheit weiter. Sie verweist auf Ursprung, Veränderung, Zeitpunkt und methodische Rahmung und lässt so erkennen, wie ein Gedanke sich entfaltet hat.

Auch Texte, die noch nicht vollständig formuliert sind, werden als sichtbare Zwischenstufen eingeordnet: in Entwurf, Vorbereitung, Reflexion oder finaler Fassung. Jeder Status ist Teil eines Lern- und Entscheidungsweges.

Und wenn Sprachmodelle einbezogen werden, dann nicht als Verdeckungsmaschine, sondern als strukturierende Spiegel. Sie helfen, schneller zu formulieren, aber nicht schneller zu denken. Auch hier gilt wie Übernahmen ist sichtbar werden. Jede Entscheidung bleibt nachvollziehbar.

Erkenntnis zeigt sich dort, wo sie sich zeigt. Weniger als perfekte Antwort, sondern als öffentlicher Übergang. Wer dieses System aufruft, kann nicht nur lesen, was gesagt wird. Sondern auch sehen, wie es geworden ist.

Erkenntnistheoretischer Anspruch

Erkenntnis entsteht in Beziehung. Zwischen Sprache, Werkzeug, Person und Kontext entwickelt sich das, was verstanden, geprüft und formuliert werden kann. Der epistemolische Zugang geht davon aus, dass jede Form von Wissen eine Geschichte trägt eine Geschichte des Entstehens, des Umformulierens, des Weiterfragens.

Offenlegung wird in diesem Zusammenhang nicht als Schwäche verstanden, sondern als Ausdruck von Verantwortung. Wer sich auf Erkenntnis einlässt, entscheidet sich auch dafür, den eigenen Weg dorthin nachvollziehbar zu machen nicht als Beweis, sondern als Einladung zur Rückfrage.

Wer denkt, darf zeigen, wie dieser Gedanke entstanden ist. Wer einen Satz veröffentlicht, darf auch sichtbar machen, wann und unter welchen Bedingungen er ihn so formuliert hat. In dieser Geste liegt epistemische Redlichkeit.

Radikaler Epistemolismus beschreibt den Versuch, diesen Gedanken umzusetzen. Offen, nachvollziehbar, zugänglich in der Auseinandersetzung mit sich selbst, mit Technik, mit Sprache und mit anderen. Nicht, um sich zu rechtfertigen, sondern um das Denken selbst sichtbar zu halten.

Jetzt? Ich? Offen?

Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden. Die ethische Verantwortung ist spürbar. Die wissenschaftliche Haltung verlangt nach Klarheit. Vor diesem Hintergrund entsteht eine Arbeitsweise, in der jede Notiz, jede Reflexion, jeder Textschritt in Zusammenhang steht miteinander, mit früheren Versionen, mit der Welt:

  • Versionen werden über Git dokumentiert, nachvollziehbar und dauerhaft.
  • Veröffentlichung erfolgt als Markdown über eine frei zugängliche Webseite.
  • Kurationswürdige Stände erhalten eine DOI über Zenodo.
  • Eine strukturierte Referenzzeile macht Herkunft, Entwicklung und Rahmen sichtbar.
  • Jeder Eintrag basiert auf einer nachvollziehbaren methodischen Entscheidung.
  • Sprachmodelle von OpenAI unterstützen die Formulierung, bleiben jedoch Teil eines bewussten, kontrollierten Prozesses.

Diese Offenheit beginnt nicht bei der Veröffentlichung. Sie beginnt im Denken. Und sie endet nicht bei der letzten Version. Sie bleibt anschlussfähig.

Abgrenzung: Was es nicht ist

  • Keine Anti-Wissenschaft,

  • keine Anti-Institution,

  • keine egozentrische Selbstdarstellung,

  • keine Beliebigkeit.

Es geht nicht um den Abschied von wissenschaftlichen Standards sondern um ihre konsequente Erweiterung in Richtung öffentlicher Nachvollziehbarkeit.

Was folgt daraus?

  • Eine neue Form epistemischer Verantwortung,

  • die Einbeziehung von Laien wie Fachkolleg:innen,

  • eine Wissenschaft, die nicht mehr nur Produkt, sondern Prozess ist,

  • eine Veröffentlichungskultur, die sich nicht nach Format, sondern nach Inhalt und Entwicklung beurteilen lässt.

Systemische Einladung zur Mitwirkung

Diese Veröffentlichung ist eine Einladung an alle, die denken, schreiben, zweifeln, überarbeiten. Die Infrastruktur ist vorhanden Git, Markdown, DOI, Webseiten, Lizenzmodelle. Wer will, kann sie nutzen. Wer kann, darf sie hinterfragen. Wer beginnt, darf mitgehen.

Radikaler Epistemolismus heißt nicht: Ich weiß. Sondern: Ich lege offen, was ich (noch nicht) weiß damit es gemeinsam weiterentwickelt werden kann.

Vision: Der digitale Marktplatz des Denkens

Ich stelle mich auf den Marktplatz. Aber nicht, um zu rufen. Sondern, um sichtbar zu machen, wie Denken geschieht. Jeder darf zuhören. Jeder darf mitdenken. Jeder darf widersprechen. Jeder darf mich korrigieren.

Radikaler Epistemolismus bedeutet: Ich nehme Wissenschaft ernst. So ernst, dass ich nichts davon verberge.


Dieser Beitrag basiert auf meiner eigenen Methode, wie sie unter Hinweise dokumentiert und unter git.jochen-hanisch.de/research versioniert ist.