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blog-podcast-vodcast/b-Quadrat - Der Blog/Stop stabilisiert Interdependenz.md

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author: Jochen Hanisch
title: Interdependenz in Gefahr Wie die STOP-Regel Teams stabilisiert
tags:
- Bildungswissenschaft
- Blog
- bQuadrat
- Forschung
- Notfallsanitäter
- Professionalisierung
- Rettungsdienst
- Standpunkt
- Systemtheorie
- Kommunikation
- Gesundheitswesen
- STOP-Regel
- Teamdynamik
date: 2024-12-29
updated: 2024-12-29
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publishd: ""
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created: 29.12.2024 | updated: 29.12.2024 | [[Hinweise]]
# Wenn der Spaß den Fokus verschiebt
Ich erinnere mich an einen Einsatz, der mir bis heute in Gedanken geblieben ist nicht wegen seiner Dramatik, sondern wegen des Gegenteils. Es war einer dieser Dienste, an denen das Team eingespielt war, die Chemie stimmte und wir unterwegs viel gelacht und uns auch über private Dinge ausgetauscht haben. Als wir dann zu einem Patienten gerufen wurden nichts Ernstes, keine Lebensgefahr fuhren wir entspannt zum Einsatzort. Doch als wir beim Patienten standen, passierte etwas Unerwartetes: **Nichts.** Keiner von uns ergriff die Initiative. Wir standen da, blickten uns an, und es fühlte sich an wie eine kleine Ewigkeit. Nicht, weil wir uns nicht auskannten oder nicht wussten, was zu tun war, sondern weil unser Fokus in diesem Moment fehlte. Die private, lockere Stimmung, die uns bis dahin begleitet hatte, ließ uns innehalten **die Grenze zwischen Spaß und Ernst hatte sich verwischt.**
In diesem Moment wurde mir klar, wie schnell und unbemerkt sich solche Situationen entwickeln können und wie wichtig es ist, rechtzeitig einen Schnitt zu setzen, um den Fokus zurück auf das Wesentliche zu lenken.
Als ich auf die STOP-Regel stieß (Holder, 2024), erinnerte ich mich sofort an diesen Einsatz. Die Idee, eine Grenze zwischen privater und professioneller Kommunikation zu ziehen, war mir aus der Luftfahrt vertraut. Doch erst durch meine Erfahrungen im Rettungsdienst wurde mir bewusst, wie essentiell und übertragbar dieses Prinzip auch auf soziale, dynamische Systeme ist. Diese Reflexion ist nicht nur ein persönliches Erlebnis, sondern zugleich der Ausgangspunkt für die systemtheoretische Betrachtung der STOP-Regel und warum sie gerade in High Responsibility Teams wie dem Rettungsdienst unverzichtbar sein kann.
In der Notfallmedizin ist Kommunikation essenziell sie sichert den Informationsfluss, koordiniert Handlungen und entscheidet letztlich über Leben und Tod. Die STOP-Regel, inspiriert vom „sterilen Cockpit“ der Luftfahrt (z.B. Nimbus Dynamics, 2024), wird zunehmend als Instrument zur Verbesserung der Teamkommunikation im Rettungsdienst genutzt. Doch warum ist diese Regel nicht einfach eine starre Anweisung, sondern eine systemtheoretisch fundierte Maßnahme?
# Kommunikationssteuerung ist notwendig
Die Systemtheorie betrachtet Organisationen wie Rettungsdienstteams als soziale Systeme die von psychischen d.h. lebenden Systemen gebildet werden und die sich durch Kommunikation selbst erzeugen und erhalten sowie bei fehlender Kommunikation destabilisieren. In solchen Systemen ist es nicht die physische Anwesenheit der Mitglieder, die das System stabilisiert, sondern die fortlaufende Interdependenz der [[Elementaroperationen]]. Kommt es zu Kommunikationsstörungen, gerät das System in einen instabilen Zustand.
### Elementarkommunikation als Steuerungsmechanismus
In der Betrachtung ist Elementarkommunikation nicht der Transport von Informationen (wie in den klassischen Kommunikationstheorien), sondern die grundlegende Operation, durch die sich soziale Systeme wie Rettungsteams selbst erhalten und organisieren. Jedes Teammitglied ist auf die Kommunikation der anderen angewiesen Kommunikation ist die Interdependenz der [[Elementaroperationen]] Feedback, Reflexion und Re-entry. Diese wechselseitige Beeinflussung und Abhängigkeit bildet das Rückgrat der Teamdynamik. Eine Störung der Elementarkommunikation führt zu einer Interdependenzstörung das bedeutet, dass Handlungen nicht mehr aufeinander abgestimmt sind, Entscheidungen verzögert werden und der Fokus zerfällt. Die STOP-Regel greift in genau diesen Momenten ein, um drohende Interdependenzstörungen zu unterbrechen und die Kommunikation auf den zentralen Prozess die Patientenversorgung zurückzuführen. Störungen der Elementarkommunikation äußern sich typischerweise in Form von: Privaten Gesprächen, Parallelen Kommunikationssträngen, Nebensächlichen Informationen oder Ablenkungen.
Diese Störungen fragmentieren die Teamkommunikation und gefährden die Fähigkeit, schnell und präzise auf veränderte Bedingungen zu reagieren. Das Kommando „STOP“ fungiert als gezielter Eingriff in die Interdependenz des Teams. Es sorgt dafür, dass irrelevante Kommunikationsstränge sofort gekappt werden und das Team sich wieder auf den Patienten und die relevanten Aufgaben fokussiert. Interdependenzstörungen sind gefährlich, die größte Gefahr in komplexen sozialen Systemen wie Rettungsteams ist nicht das Fehlen von Kommunikation, sondern die Fragmentierung und Überlagerung mehrerer Kommunikationsprozesse gleichzeitig. Wenn jedes Teammitglied in eigene Kommunikationsstränge verstrickt ist, verliert das System seine kohärente Struktur. Die STOP-Regel wirkt hier als Instrument zur Wiederherstellung der internen Kohärenz. Sie ist weniger ein reines Disziplinierungstool, sondern vielmehr ein Mechanismus, der die Interdependenz im Team stabilisiert und sicherstellt, dass alle Mitglieder auf dasselbe Ziel ausgerichtet bleiben. (vgl. [[Wirkungskriterienbasierte Entscheidungsfindung## 3.4 Förderung der Teamarbeit und Kommunikation
]])
### Beobachtungsperspektiven: Kommunikation in drei Ebenen steuern
Ein zentrales Element der Systemtheorie ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen Beobachtungsebenen:
1. **Beobachtung erster Ordnung**  Das Team nimmt die Umwelt wahr, beispielsweise den Zustand des Patienten und die unmittelbare Umgebung (z. B. Vitalparameter, Symptome).
2. **Beobachtung zweiter Ordnung**  Das Team reflektiert über die eigene Wahrnehmung und Kommunikation, beispielsweise Ablenkung durch private Gespräche oder interne Kommunikationsmuster.
3. **[[Beobachtung dritter Ordnung]]**  Das Team analysiert und hinterfragt die zugrunde liegenden Mechanismen und Strukturen, die ihre Wahrnehmung und Kommunikation beeinflussen, wie etwa die Rollenverteilung, Arbeitskultur oder die eigenen Beobachtungsprozesse.
Die STOP-Regel setzt primär auf der zweiten Beobachtungsebene an. Wenn Teammitglieder bemerken, dass die Kommunikation unsystematisch wird, können sie eingreifen und die Situation durch die STOP-Regel wieder fokussieren. Zudem ermöglicht die Reflexion auf der dritten Beobachtungsebene eine tiefere Analyse der strukturellen Faktoren, die Kommunikationsstörungen begünstigen könnten.
Durch diese Mehrschichtigkeit wird die STOP-Regel zu einem flexiblen, adaptiven Instrument, das auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig wirkt und somit die Teamdynamik und Patientensicherheit verbessert.
### Die Notwendigkeit kommunikativer Eingriffe
High Responsibility Teams (HRT) agieren in Umgebungen mit hoher Unsicherheit und extremem Zeitdruck, was sie ständig an die Grenze zwischen stabilen und instabilen Zuständen bringt. Das [[High Responsibility Team Decision Framework]] bietet ein systematisches Entscheidungsmodell, das speziell für solche Teams entwickelt wurde, um Handlungsprozesse in kritischen und risikoreichen Umgebungen optimal zu gestalten.
Innerhalb dieses Frameworks werden Zustände in unerwünschte und erwünschte Kategorien unterteilt:
- **Unerwünschte Zustände**: Situationen, die durch gezielte Operationen transformiert werden müssen, wie akute Gefahrensituationen oder instabiler Patientenstatus.
- **Erwünschte Zustände**: Zielzustände, die durch optimale Handlungen des Teams erreicht werden sollen, wie stabile Patientenlage oder Wiederherstellung der Sicherheit.
Die STOP-Regel fungiert in diesem Kontext als Mechanismus, um Transformationsbarrieren zu identifizieren und zu überwinden, wodurch der Übergang von unerwünschten zu erwünschten Zuständen erleichtert wird. Sie wird situativ aktiviert entweder präventiv bei ersten Anzeichen von Kommunikationsstörungen oder reaktiv, wenn das Team bereits in einer instabilen Phase ist.
Durch die Anwendung der STOP-Regel kann das Team seine Handlungsstrategien effizient anpassen, Risiken minimieren und flexibel auf neue Informationen reagieren, was letztendlich zur Stabilisierung des Systems und zur Erhöhung der Patientensicherheit beiträgt.
### Weshalb keine starren Regeln wie in der Luftfahrt?
In der Luftfahrt basiert das „sterile Cockpit“ auf festen Höhenmarken (z. B. unter 10.000 Fuß) bzw. weiteren Flugphasen (Sumwalt, 1994). Im Rettungsdienst hingegen sind kritische Phasen **dynamisch** und nicht vorhersagbar. Der Zustand eines Patienten kann sich jederzeit ändern, und kritische Momente treten oft unerwartet auf.
**Systemtheoretische Erklärung:**
- Patienten sind nicht-triviale Maschinen ihre Reaktionen sind komplex und können nicht linear vorhergesagt werden.
- Die Kommunikationsbedürfnisse variieren je nach Kontext, sodass starre Phasenregelungen unpraktikabel sind.
- Teams im Rettungsdienst interagieren in einem chaotischen Umfeld, das durch hohe Variabilität und Unsicherheiten geprägt ist.
>Die STOP-Regel muss daher flexibel und dynamisch aktiviert werden, je nachdem, wie sich die Situation entwickelt.
### **Dynamische Aktivierung: Präventiv und Reaktiv**
Die STOP-Regel greift auf Grundlage von **situativen Markern** ein Anzeichen, die darauf hindeuten, dass die Kommunikation gestört werden könnte:
- **Präventive Aktivierung**: Zunehmende Unsicherheit, steigende Kommunikationsdichte oder kritische Maßnahmen (z. B. Intubation).
- **Reaktive Aktivierung**: Kommunikationschaos, widersprüchliche Anweisungen oder plötzlich eintretende Patientendeterioration.
Durch diese adaptive Anwendung passt sich die STOP-Regel an den tatsächlichen Zustand des Teams an und wirkt nicht wie ein mechanisches Tool, sondern wie eine dynamische Anpassung an die Realität komplexer Systeme.
## Die STOP-Regel als systemische Intervention
Die STOP-Regel ist weit mehr als ein simples Verbot privater Gespräche. Sie ist ein systemtheoretisch fundiertes Instrument zur Steuerung von Kommunikation in High Responsibility Teams. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie auf mehreren Beobachtungsebenen gleichzeitig wirkt und flexibel auf komplexe, chaotische Umfelder reagiert.
Indem die STOP-Regel die Interdependenz von Feedback, Reflexion und Re-entry fördert, unterstützt sie die dynamische Koordination innerhalb des Teams. Dies trägt zur Stabilisierung des Systems und zur Erhöhung der Patientensicherheit bei. Die systemtheoretische Perspektive verdeutlicht somit, dass die STOP-Regel im Rettungsdienst nicht nur sinnvoll, sondern aufgrund der hohen Dynamik und Unsicherheit dieser Umfelder unverzichtbar ist.
# Mich triggert die STOP-Regel
Ich bin durch einen Beitrag auf der Blogseite von FOAMio auf die STOP-Regel gestoßen. Beim Lesen des Dokuments fühlte ich mich sofort angesprochen. Als ehemaliger Fluggerätmechaniker ist mir das Prinzip des „sterilen Cockpits“ aus der Luftfahrt vertraut und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie entscheidend klare Kommunikation in kritischen Phasen ist.
Was mich jedoch wirklich aufrüttelte, war die Übertragung dieses Konzepts auf den Rettungsdienst. In meiner Zeit im Einsatzdienst habe ich oft erlebt, wie private Gespräche oder beiläufige Bemerkungen die Aufmerksamkeit genau in dem Moment ablenken, in dem volle Konzentration gefordert ist. Die STOP-Regel erschien mir auf den ersten Blick als kluge Lösung, um solche Situationen zu verhindern.
Doch als ich tiefer darüber nachdachte jetzt als Bildungswissenschaftler und Systemiker wurde mir etwas klar: Viele dieser Versuche, Regeln aus der Luftfahrt auf den Rettungsdienst zu übertragen, greifen zu kurz.
In der Luftfahrt arbeiten wir mit trivialen Maschinen. So komplex ein Flugzeug auch sein mag, es folgt vorhersehbaren, standardisierten Abläufen. Patienten im Rettungsdienst hingegen sind nicht-triviale Maschinen ihre Reaktionen sind dynamisch, oft unvorhersehbar und weit weniger durch feste Regeln zu steuern. Diese Übertragungsversuche sind gut gemeint, doch sie scheitern oft, weil sie die grundlegenden Unterschiede zwischen trivialen und nicht-trivialen Systemen ignorieren. Genau hier möchte ich ansetzen nicht um diese Ideen zu kritisieren, sondern um sie zu systemtheoretisch zu verankern und anzupassen, damit sie dort funktionieren, wo Standardlösungen versagen.
Die STOP-Regel hat das Potenzial, ein wirkungsvolles Werkzeug im Rettungsdienst zu sein, wenn wir sie dynamisch anpassen und auf die realen Bedingungen komplexer sozialer Systeme übertragen.
# Quelle(n)
- Holder, S. (2024, Dezember 27). Safety First Die „STOP-Regel!“ & das sterile Cockpit. _FOAMio Rettungsdienst-Blog_. [https://foamio.org/safety-first-die-stop-regel-das-sterile-cockpit/](https://foamio.org/safety-first-die-stop-regel-das-sterile-cockpit/)
- Nimbus Dynamics. (2024). _FAR § 121.542 Flight crewmember duties_. [https://aviation-regulations.com/121.542](https://aviation-regulations.com/121.542)
- Sumwalt, R. L. (1994). _Accident and Incident Reports Show Importance of Sterile Cockpit Compliance_ (S. 1-8) [Flight Safety Digest]. Flight Safety Foundation. [https://maritimesafetyinnovationlab.org/wp-content/uploads/2023/01/Flight-Safety-Digest-Accident-and-Incident-Reports-Show-Importance-of-Sterile-Cockpit-Compliance-July-1994.pdf](https://maritimesafetyinnovationlab.org/wp-content/uploads/2023/01/Flight-Safety-Digest-Accident-and-Incident-Reports-Show-Importance-of-Sterile-Cockpit-Compliance-July-1994.pdf)
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