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Jochen Hanisch-Johannsen Reentry - Ein zentraler Mechanismus für Lern- und Systemprozesse 2024-12-06 2024-12-06
Systemtheorie
Lernen
Reentry
Selbstreferenz
Systemlernen
Wissenschaftliche Notiz

Einleitung

In dieser Notiz wird der Begriff Reentry als ein zentrales Element für Lernprozesse und Systementwicklung untersucht. Reentry beschreibt die Rückführung reflektierter Informationen in eine Systemstruktur, wodurch sowohl Stabilität als auch Weiterentwicklung ermöglicht werden. Das Ziel ist es, Reentry in seiner theoretischen und praktischen Bedeutung zu analysieren und seine Anwendung in verschiedenen Disziplinen zu beleuchten.

1 Definition

Der Begriff Reentry bezieht sich auf den Prozess, bei dem ein System reflektierte Bedeutungen oder Informationen in seine eigene Struktur zurückführt, um neue Erkenntnisse zu integrieren und bestehende Strukturen anzupassen (Luhmann, 1997). Dieser Prozess ist durch Selbstreferenz, Zirkularität und die Fähigkeit zur Transformation gekennzeichnet. Reentry findet Anwendung in Systemtheorie, Kybernetik und Bildungswissenschaften, wo es als grundlegender Mechanismus für Lernen und Anpassung betrachtet wird.

2 Herleitung

Der Begriff hat seine Wurzeln in der Kybernetik, der Systemtheorie und der formalen Logik. Seine theoretische Fundierung geht auf Arbeiten von Spencer-Brown, von Foerster und Luhmann zurück.

2.1 Perspektive der Logik und Mathematik

George Spencer-Brown führte in Laws of Form (1969) die Idee der Unterscheidung ein, bei der eine Grenze gezogen wird, um zwischen "innen" und "außen" zu unterscheiden. Reentry entsteht, wenn diese Unterscheidung auf sich selbst zurückgeführt wird, was zu einer Selbstreferenz führt. Dies bildet die Basis für zirkuläre Prozesse in Systemen.

2.2 Perspektive der Systemtheorie

Niklas Luhmann (1997) adaptierte den Begriff für soziale Systeme und definierte Reentry als den Mechanismus, durch den ein System die Unterscheidung zwischen sich und seiner Umwelt wieder in die eigenen Operationen integriert. Dadurch können soziale Systeme Komplexität reduzieren und gleichzeitig neue Bedeutungen schaffen.

2.3 Perspektive der Kybernetik

Heinz von Foerster (1981) betrachtete Reentry als zentrales Element der Kybernetik zweiter Ordnung. Er betonte, dass Systeme durch Reentry nicht nur Informationen verarbeiten, sondern auch ihre Strukturen durch Reflexion transformieren können.

2.4 Mathematische Formeln

Spencer-Browns Arbeiten legen den Grundstein für formale Modelle von Reentry. Eine einfache Darstellung findet sich in der Zirkularität von Operationen:

  • Unterscheidung: ( \Delta(A, B) )
  • Rückführung: ( R(\Delta(A, B)) \rightarrow A' )

Re-Entry

Re-Entry ist das systemtheoretische Konzept der wiederholten Wiedereinführung einer Differenz in ein System, das sie selbst erzeugt hat. Luhmann (1984) beschreibt dies als Operation, bei der das System seine eigene Unterscheidung auf sich selbst anwendet. Der Begriff entstammt ursprünglich der Topologie (Spencer-Brown, 1969) und wurde in der Theorie sozialer Systeme auf Kommunikation übertragen.

In der mathematischen Struktur lässt sich Re-Entry explizit im Oszillationsverhalten der Tangensfunktion modellieren. Die Funktion \tan(\beta t) divergiert bei bestimmten Zeitpunkten, was einem Rücksturz in frühere Zustände gleichkommt. Diese Divergenzen sind jedoch nicht destruktiv, sondern strukturkonservierend sie erzeugen Schleifen, in denen vergangene Zustände rekursiv wieder aufgegriffen werden. Das Re-Entry-Prinzip erhält damit eine explizit mathematische Formulierung.

2.5 Beispiele

2.5.1 Biologische Systeme

In der Neuroplastizität spiegelt Reentry die Art und Weise wider, wie neuronale Netzwerke durch wiederholte Integration von Erfahrungen umstrukturiert werden (Doidge, 2007).

2.5.2 Soziale Systeme

In Organisationen wird Reentry sichtbar, wenn neue Strategien auf Basis von Feedback reflektiert und anschließend in bestehende Prozesse integriert werden.

3 Folgerungen

Reentry ist ein zentraler Mechanismus, der Lernen nicht nur ermöglicht, sondern nachhaltig macht. Es gewährleistet, dass neue Informationen nicht nur aufgenommen, sondern auch strukturell verankert werden. Dadurch wird Reentry zum Ausgangspunkt für kontinuierliche Anpassung und Entwicklung.

4 Implikationen

Reentry hat weitreichende Konsequenzen für Forschung und Praxis:

  • Bildung: Die Gestaltung von Lernprozessen sollte Reentry explizit berücksichtigen, um Reflexion und nachhaltiges Lernen zu fördern.
  • Systementwicklung: In Organisationen kann Reentry helfen, Veränderungen langfristig zu verankern.
  • Technologie: Algorithmen in künstlicher Intelligenz könnten durch Reentry-Prozesse verbessert werden, um adaptiver zu agieren.

5 Kritik

Ein häufiger Kritikpunkt ist, dass Reentry oft implizit bleibt und schwer direkt zu beobachten ist. Zudem wird kritisiert, dass der Begriff durch seine breite Anwendung Gefahr läuft, an Präzision zu verlieren (Baecker, 2001). Dennoch bleibt seine Bedeutung für systemische Lernprozesse unbestritten.

6 Zusammenfassung

Reentry beschreibt den Prozess, reflektierte Informationen in eine Systemstruktur zurückzuführen, um Stabilität und Weiterentwicklung zu ermöglichen. Der Begriff wird in der Systemtheorie, Kybernetik und Bildungswissenschaft verwendet und beeinflusst Lernprozesse, Anpassungsfähigkeit und Innovationsfähigkeit. Seine universelle Anwendbarkeit macht Reentry zu einem entscheidenden Konzept für das Verständnis komplexer Systeme.

Quellen

  • Baecker, D. (2001). Wozu Systeme? Suhrkamp.
  • Doidge, N. (2007). The Brain That Changes Itself. Viking Press.
  • Luhmann, N. (1997). Die Gesellschaft der Gesellschaft. Suhrkamp.
  • Spencer-Brown, G. (1969). Laws of Form. Allen & Unwin.
  • von Foerster, H. (1981). Observing Systems. Intersystems Publications.