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research_archiv/Methodologie/Umgang mit Begriffen.md

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Jochen Hanisch-Johannsen Begriffe klären Denken ermöglichen: Eine Handreichung für den wissenschaftlichen Sprachgebrauch in Lehre und Studium 2025-05-05 2025-05-05 true false
Wissenschaftssprache
Begriffsklärung
Hochschuldidaktik
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Methodische Notiz
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created: 5.5.2025 | updated:5.5.2025 | publishd: 5.5.205 | Austausch | Hinweise

Begriffe klären Denken ermöglichen: Eine Handreichung für den wissenschaftlichen Sprachgebrauch in Lehre und Studium

Einleitung: Von verbotenen Begriffen und wissenschaftlicher Mündigkeit

„Wir dürfen den Begriff Einfluss nicht benutzen.“
Rückmeldung einer Studentin zur Formulierung ihrer Forschungsfrage

Solche Aussagen begegnen Lehrenden und Prüfenden in der Hochschulpraxis immer wieder. Sie markieren ein Spannungsfeld, das im Kern nicht nur didaktisch, sondern erkenntnistheoretisch relevant ist. Wenn bestimmte Begriffe vermeintlich „verboten“ sind etwa Einfluss, Wirkung, Bedeutung oder Auswirkung was genau steht dann auf dem Spiel? Geht es um inhaltliche Unschärfe, methodische Inkompatibilität, operatorische Exaktheit oder um eine stille Sprachangst?

Diese Handreichung ist aus der Erfahrung mit genau solchen Rückmeldungen entstanden. Ihr Ziel soll sein, einen Weg jenseits der Verbotslogik aufzuzeigen. Denn Begriffe sind nicht per se richtig oder falsch, erlaubt oder verboten sie sind kontextabhängig. Entscheidend ist nicht der Begriff selbst, sondern die Weise seines Gebrauchs:

  • Wird der Begriff reflektiert eingeführt?
  • Wird Bedeutung des Begriffes geklärt und der Gebrauch begründet?
  • Wird dier Begriff in den Erkenntnisprozess eingebunden, oder bleibt er bloßes Schlagwort?

Begriffe als epistemische Werkzeuge

Begriffe sind keine neutralen Bezeichner, sondern „epistemische Werkzeuge“ (Reckwitz, 2008), die Welt nicht nur abbilden, sondern strukturieren. In wissenschaftlichen Kontexten dienen sie der Modellierung von Wirklichkeit, der systematischen Kommunikation und der diskursiven Anschlussfähigkeit (Keller, 2011). (Epistemosphäre)

Ein Begriff wie Einfluss ist demnach nicht von sich aus problematisch. Problematisch wird er nur dann, wenn er unpräzise verwendet, nicht kontextualisiert oder methodisch unreflektiert bleibt. In qualitativen Forschungsdesigns etwa sind relational beschreibende Begriffe wie „Zusammenhang“, „Deutungsmuster“, „Erleben“ häufig angemessener als kausal-lineare Begriffe wie „Auswirkung“ oder „Einfluss“. Doch das bedeutet kein Verbot, sondern eine situativ-methodische Angemessenheitsprüfung.

Die Genese sprachlicher Verunsicherung

Der Ursprung der „verbotenen Begriffe“ liegt häufig in didaktisch verkürzten Prüfungsroutinen. Aussagen wie „Vermeiden Sie den Begriff Wirkung“ entstehen oft aus berechtigtem Anliegen etwa dem Wunsch nach Theorietreue oder methodischer Passung , verfestigen sich dann jedoch als sprachliche Abwehrlogik, die nicht zum Denken, sondern zur Meidung führt. Damit kehrt sich der pädagogische Impuls ins Gegenteil um.

Studierende lernen dabei nicht, wie Begriffe kontextualisiert, differenziert und funktional verwendet werden, sondern wie sie vermeidet, abgeschwächt oder paraphrasiert werden mit der Folge einer zunehmenden Begriffsverarmung und Textglättung.

Didaktische Umkehr: Begriffskritik als Lernchance

Eine wissenschaftspropädeutische Hochschullehre sollte nicht mit Sprachverboten arbeiten, sondern mit Reflexionsangeboten. Studierende brauchen Räume, in denen sie Begriffe ausprobieren, klären und gegebenenfalls verwerfen dürfen in bewusster Auseinandersetzung mit ihren theoretischen Voraussetzungen und disziplinären Kontexten.

Ein solcher didaktischer Zugang betont:

  • dass jede Begriffswahl eine Theorieentscheidung impliziert (vgl. Flick, 2022),
  • dass nicht der Begriff selbst, sondern sein Gebrauch zu bewerten ist (vgl. Mayring, 2015),
  • dass Wissenschaftssprache keine endgültigen Definitionen, sondern nachvollziehbare Begriffsarbeit verlangt (vgl. Klein, 2006).

Empfehlungen für Lehre, Textarbeit und Bewertung

In Lehrveranstaltungen:

  • Begriffsfelder und Begriffscluster zu Beginn visualisieren lassen.
  • Diskursanalytische Fragen integrieren („Woher stammt dieser Begriff?“).
  • Ambiguitäten nicht auflösen, sondern analysieren lassen.

In schriftlichen Arbeiten:

  • Zentrale Begriffe früh klären und herleiten lassen.
  • Reflexionsboxen oder Marginalien zur Begriffsentwicklung zulassen.
  • Operatoren differenziert einsetzen: analysieren, diskutieren, kontrastieren statt pauschal darstellen oder beeinflussen.

In der Prüfungspraxis:

  • Bewertungskriterien um die Dimension „Begriffliche Reflexionsleistung“ erweitern.
  • Den „Umgang mit Sprache“ explizit als wissenschaftliche Kompetenz anerkennen.
  • Prüfungsformate fördern, die offene Begriffsentwicklung zulassen (z.B. Portfolios, Forschungswerkstätten, Essays).

Fazit: Wissenschaftssprache ermöglichen statt beschneiden

Diese Handreichung plädiert für eine Hochschullehre, die Begriffsarbeit nicht als formalistische Pflicht, sondern als Teil wissenschaftlicher Mündigkeit versteht. Wer Studierende befähigen möchte, kritisch und selbstständig zu denken, muss ihnen die Sprache dafür öffnen nicht verschließen. Der Satz „Wir dürfen den Begriff Einfluss nicht benutzen“ ist deshalb weniger ein Regelverstoß als ein Symptom. Ihn ernst zu nehmen heißt, die eigene Sprache zum Thema zu machen.

Quelle(n)

  • Flick, U. (2022). Qualitative Sozialforschung: Eine Einführung (9. Aufl.). Rowohlt.
  • Keller, R. (2011). Wissenssoziologische Diskursanalyse. Springer VS.
  • Klein, A. (2006). Wissenschaftssprache verstehen: Eine Textanalyse wissenschaftlicher Texte. UTB.
  • Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken (12. Aufl.). Beltz.
  • Reckwitz, A. (2008). Die Transformation der Kulturtheorien. Velbrück Wissenschaft.

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